Flüchtlingshilfe – Was bin ich bereit zu leisten?

Vor einer Weile habe ich mir Gedanken gemacht, wo man am Besten anfängt, wenn man etwas in der Flüchtlingshilfe tun möchte, aber, so wie ich, in einem Dorf wohnt, wo es keine zentrale Anlaufstelle für Flüchtlinge gibt. Über einen Kontakt beim DRK kam ich zur Tafel. Ich wusste aus erster Hand, dass hier ebenfalls dringend Freiwillige benötigt wurden. Seitdem bin ich einmal in der Woche für ein paar Stundem dort und helfe bei der Essensausgabe.

Beim ersten Mal war ich sehr aufgeregt: Würde ich hier auch auf Flüchtlinge treffen? Wie sind diese Menschen? Werde ich Gelegenheit haben mit ihnen zu reden? Fragen über Fragen. Ich kann Euch sagen, dass bei der Essensausgabe zwar nicht viel Zeit zum Reden ist und die Menschen von meinem sehr bunt gemischten Schlag sind, aber schenkt man ihnen ein Lächeln, bekommt man eines zurück. Menschlichkeit.

Eines möchte vorweg nehmen, mein Denken und Handeln beim Thema Flüchtlinge sind nicht politisch orientiert. Ich habe eine Meinung, rede aber nicht gerne (öffentlich) über Politik und werde es auch hier nicht tun. Meine Motivation sind Menschlichkeit und Nächstenliebe. Ich möchte helfen. Menschen, die unvorstellbares durchmachen mussten, die vielleicht sogar alles verloren haben. Menschen, die ein bisschen Ruhe und Frieden und Schutz verdient haben.

Ich bin ein sehr empathischer Mensch. Umso mehr erschreckt es mich, dass „der besorgte Bürger“ eben jene Dinge diesen Menschen nicht gönnt: aus Unverständnis gegenüber der Politik, eigener (Existenz-) Angst, vielleicht sogar aus reinem Egoismus. Es ist nicht so, dass ich das alles (außer Egoismus) nicht verstehe. Ich habe selber auch keinen blassen Schimmer, wie unsere Politiker die Flüchtlingskrise bewältigen wollen, wie Organisationen, wie beispielsweise das DRK, den Ansturm meistern wollen. Aber ich vergesse dabei eine Sache nicht: Wir reden hier von Menschen. Menschen, die unabhängig von Politik & Co hier und jetzt unsere Hilfe brauchen!

Lange Rede, kurzer Sinn. Ich habe mich als ehrenamtlicher Helfer auf die Liste schreiben lassen. Auch wenn das Thema in den Medien etwas abgeebbt ist, geht es hier gerade erst richtig los. Im Oktober wurden und werden in der Region unzählige Flüchtlinge erwartet. Gestern Nachmittag erhielt ich einen Anruf, ob und wann ich heute Zeit und Lust hätte. Ich sagte zu, ab 16 Uhr könne ich fix helfen, davor aufgrund von Vorlesungen bedingt. Eine genaue Ankunftsuhrzeit der Flüchtlinge stand noch nicht fest. Nur kurze Zeit später erhielt in den zweiten Anruf: Der Bus wird schon gegen Mitternacht erwartet.

Oh ha! Mitternacht. Zeit hätte ich, aber habe ich auch Lust mir die Nacht um die Ohren zu schlagen? Noch während des Gespräches musste ich mich entscheiden. Breche ich aus meiner Komfortzone aus? Wie dringend möchte ich wirklich helfen, jetzt wo es auf einmal etwas unbequemer wird? Was, wenn jeder Ehrenamtliche sagt, „nö, nachts schlafe ich lieber“? Ich fasste einen Entschluss: Ich werde da sein! Die Flüchtlinge können es sich schließlich auch nicht aussuchen. Keine Stunde später verschob sich der Termin übrigens ein weiteres Mal auf 4 Uhr morgens, bevor er schließlich ganz auf heute Abend verlegt wurde.

Wenn dieser Beitrag hier fertig ist, werde ich also noch eine Kleinigkeit essen und mich dann langsam auf den Weg zu meinem ersten Einsatz als Flüchtlingshelferin machen. Ich bin aufgeregt, im Guten, wie im Schlechten. Ich freue mich darauf zu helfen, aber ich habe auch Angst vor den vielen Schicksalen, die mir dort begegnen werden. Wie werde ich das wohl wegstecken?

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18 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Jennie! Danke für diesen Inspirierenden und so ehrlichen Post. Ich wünsche dir für heute Abend viel Kraft und Mut aber auch vor allem inspirierende Begegnungen und ab und zu ein Lächeln!
    Liefs, Liv

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    • Herzlichen Dank, liebe Liv. Ich finde es sehr schön, dass Du diesen ehrlichen Post mit ganz vielen Gedanken und Gefühlen so magst. Gerade bei den Thema und weil das so ein „Ich lasse meine Hosen runter“- Beitrag ist, war ich mir sehr unsicher, wie er ankommt. Umso mehr hab ich mich natürlich über deinen positiven Kommentar gefreut! Danke. 🙂

      Liebe Grüße,
      Jenni

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  2. nicht politisch orientiert. Ich habe eine Meinung, rede aber nicht gerne (öffentlich) über Politik und werde es auch hier nicht tun.
    , dass „der besorgte Bürger“
    politischer kann eine meinung ja fast schon nicht sein!!!
    ich arbeite im drk-obdachlosenheim mit angeschlossener tafel im bundesfreiwilligendienst.ehrlich und im ernst würde ich ganz gern mal eine stunde lang über das thema flüchtlinge mit dir diskutieren. warum sollte eigentlich jeder der bedenken äussert ein nazi sein?wo sind denn plötzlich all die fahnenschwingenden ,lachenden,klatschenden und feiernden hin die täglich auf dem bahnhof standen.haben die vielleicht auch endlich gemerkt dass bei aller euphorie am ende doch neben dem herzen der verstand zählen muss?ich jedenfalls habe tränen in den augen wenn ich verzweifelte mütter mit ihren kindern auf dem arm durch den schlamm laufen seh aber ich weis auch das es grenzen ,grenzen der aufnahme,geben muss.es muss auch die sofortige rückführung derer geben die eben nicht vor krieg und terror fliehen .ich bin mit der jetzigen politik nicht zufrieden aber eben nochlange kein nazi.

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    • Hallo Thomas, ich weiß ehrlich gesagt nicht, was Du mir mit den Zitaten mitteilen möchtest. Ich habe natürlich auch eine politische Meinung zu dem Thema und niemals das Gegenteil behauptet. Aber ich habe noch nie gerne und viel über Politik geredet, nicht mal mit meinen Freunden und werde damit auch jetzt nicht anfangen, schon gar nicht öffentlich auf meinem Blog.

      Darum geht es aber auch gar nicht. Was mir große Sorgen bereitet, und das habe ich in meinem Beitrag eigentlich deutlich gemacht, ist die Tendenz hin zu Unwissenheit, Angst und Ignoranz, weg von Menschlichkeit und Nächstenliebe. Mir macht es große Angst, dass unter uns Menschen sind, die keinen Funken Empathie und Mitgefühl besitzen. Denn komplett losgelöst davon, wie rational man es betrachtet, man sollte eines nicht vergessen, nämlich, dass wir hier über MENSCHEN reden.

      Von mir aus darf auch jeder konstruktive Kritik an der Politik äußern. Aber dann bitte auch informiert und mit den entsprechenden Verbesserungsvorschlägen. Denn nur kritisieren ist immer leicht. Zu einer guten Kritik gehört aber immer auch ein Vorschlag, wie man es besser machen kann. Ganz ehrlich? Ich möchte um nichts in der Welt mit unseren Politikern tauschen. Ich schaffe es nicht, das Thema mit dem dafür nötigen Verstand zu betrachten. Zumal ich, wenn ich es versuche, die sehr viel tiefergreifenden Ursachen des Problems sehe, die mit der aktuellen Flüchtlingspolitik, egal wie gut oder schlecht sie sein mag, nicht mal ansatzweise angegangen werden. Ich fühle mich schlicht und ergreifend ohnmächtig, deswegen tue ich das, was mir mehr liegt: Ich betrachte die Situation mit dem Herzen. Diese Menschen brauchen hier und jetzt unsere Hilfe. Das lässt sich weder wegdiskutieren, noch ignorieren. Ich habe zwar keine Lösung für Weltfrieden und gegen Armut, aber ich kann zumindest einen kleinen Teil dazu beitragen, dass dieses Land die akute Flüchtlingskrise bewältigt.

      Liebe Grüße,
      Jenni

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  3. Ich glaube, der „besorgte Bürger“ ist vor allem eines: ignorant. Und das meine ich im ganz ursprünglichen Wortsinne; nämlich unwissend. Deshalb funktioniert Angst dann eben so gut. Was ich nicht kenne, fürchte ich oder meine es besser zu wissen. Das ist das, was ich bei meiner Arbeit täglich erlebe…ich fürchte, da hilft es nur Aufklärung zu betreiben.
    Ich finde es toll, dass Du Dich engagierst! Gerade heute habe ich angefangen bei der Arbeit ein Konzept für die Begleitung von Minderjährigen Flüchtlingen zu schreiben, da auch wir helfen wollen.

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    • Danke schön, strawberrymouse. Ich engagiere mich unglaublich gerne, weil das ein so wunderbares Gefühl ist, wenn man gutes tun kann. Umgekehrt, toll, dass Du/Ihr mit einem Konzept angefangen habt! 🙂

      Ich sehe das ähnlich wie Du, Aufklärung ist sehr wichtig. Gerade Ängste lassen sich in der Bevölkerung viel besser schüren, wenn sie unwissend ist. Leider ist das in allen Lebensbereichen eine Tendenz, nicht nur beim Thema Flüchtlinge: Die Mehrheit macht sich einfach nicht die Mühe und informiert sich ausreichend. Passt zwar nicht, aber das beste Pendant in der Kosmetik ist da wohl „Aluminium in Deos“. Irgendwer ruft, „Brustkrebs“ und die Panik ist groß. Alle kaufen nur noch alufreie Deos, aber wer macht sich die Mühe und prüft, was dran ist?

      Liebe Grüße,
      Jenni

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  4. Ich glaube, der „besorgte Bürger“ hat schon etwas mehr Erfahrung und ist nicht blauäugig. Man soll etwas für alle Bedürftigen tun, nicht nur für die Flüchtlinge. Denn die Flüchtlinge sind nun mal zu 70% reine Wirtschaftsflüchtlinge, die an unserem Wohlstand teil haben wollen, den wir uns in den letzten 50 Jahren hart erarbeitet haben!! Für die echten Kriegsflüchtlinge aus Syrien sollten wir da sein. Aber nicht für die, die Forderungen stellen, denn dann ist man kein Flüchtling! Und nicht für Schmarotzer. Es gibt so viele in unserem Land, an die keiner denkt: Alte, Alleinerziehende, Obdachlose, Familien mit vielen Kindern. Die Tafel ist ein guter Ort, etwas zu tun, auch ich arbeite dort freiwillig. Ich finde es toll, das Du dort Zeit investierst. Nur mal zum Nachdenken: Wer hat vor der Flüchtlingskrise an all die anderen gedacht?

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    • Hallo Birgit, in einem Punkt gebe ich Dir vollkommen Recht: jeder, der Hilfe benötigt, sollte diese Hilfe auch bekommen. Was ich allerdings fragwürdig finde, ist das Ausspielen von Arm gegen Ärmer. Ganz egal, ob jemand freiwillig entweder in der Flüchtlingshilfe arbeitet oder in der Tafel beispielsweise, beides sind sehr wichtige Schritte und beides ist sehr wichtig. So jemand tut auf jeden Fall schon einmal mehr, als viele andere. Das sollte man demjenigen hoch anrechnen und nicht schlecht machen, indem man ihn vorwirft nicht an die Armen in Deutschland zu denken oder umgekehrt an die armen Flüchtlinge.

      Deine Meinung zum Thema Wirtschaftsflüchtlinge teile ich nicht. Es ist so: Jeder Flüchtling hat unabhängig von seinen Fluchtmotiven erst einmal das gleiche Recht einen Antrag auf Asyl zu stellen, wovon jeder einzelne geprüft wird. Menschen aus sicheren Herkunftsländern, die in ihrer Heimat nicht politisch, religiös oder anderweitig verfolgt werden, was Du wahrscheinlich mit Wirtschaftsflüchtlingen meinst, wird dieser Antrag abgelehnt und sie werden ausgewiesen.

      Aber mal unabhängig von diesen Fakten, was ist so verwerflich daran, dass sich Menschen für sich und ihre Familie bessere (finanzielle) Lebensbedingungen wünschen und es zumindest versuchen? Würdest Du nicht das gleiche tun, wenn Du in so einer Lage wärst und nichts zu verlieren hast? Ich persönlich finde daran nichts verwerflich. Zumal der Wohlstand unserer westlichen Welt nicht alleine unser Verdienst ist, sondern auch auf der Ausbeutung von wirtschaftlich schwächeren Ländern basiert.

      Liebe Grüße,
      Jenni

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  5. Ich finde es total klasse, dass du aktiv mithilfst! Wir haben „nur“ Sachspenden gegeben aber ich denke das ist immerhin etwas. Darunter waren Hygieneartikel, Stofftiere und Spielzeug für Kinder sowie Bücher. Wenn du magst berichte doch ein bisschen von deinen Erfahrungen. Ich würde mich sehr freuen.
    Liebe Grüße
    Nicole

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    • Liebe Nicole, auch Flüchtlingshilfe ist eines dieser Themen, bei denen meiner Meinung nach jeder Schritt zählt. Egal wie klein er für den Gehenden zu sein scheint. Ihr habt Sachspenden abgegeben? Großartig! Damit habt Ihr auch einen wichtigen Beitrag geleistet. 🙂

      Liebe Grüße,
      Jenni

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  6. Dankeschön, dass Du diese Gedanken und Eindrücke mit uns teilst. Ich freue mich, wenn Du uns noch mal erzählst wie Deine Erlebnisse waren. Also natürlich nur, wenn Du das möchtest. Vielleicht ist einiges auch zu persönlich.

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    • Liebe Heli, erst einmal Dankeschön für dein positives Feedback. Ich werde bestimmt auch zukünftig den ein oder anderen Gedanken zu dem Thema mit Euch teilen. Es tut nämlich auch mir sehr gut, meine Gefühle so etwas zu ordnen. Wie in diesem Fall: Mich hat meine eigenen Komfortzone und meine erste spontane Reaktion (nachts?!) sehr beschäftigt. Das Schreiben darüber tat dementsprechend gut. 🙂

      Liebe Grüße,
      Jenni

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  7. Sehr interessant deine Sichtweisen über vieles zum Thema Flüchtlinge kennenzulernen! freu mich auf den nächsten ARtikel, lg 🙂 Renate

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    • Vielen Dank, liebe Renate. 🙂

      Ja, ich habe dazu wohl eine eher unkonnventionelle Sichtweise, weil ich es sehr, sehr menschlich betrachte. Es ist vielleicht etwas naiv, aber anders könnte ich damit nicht umgehen, weil ich mich hilflos und ohnmächtig fühlen würde.

      Liebe Grüße,
      Jenni

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  8. Ich finde es toll, dass Du Deine Meinung & Erfahrungen zu diesem Thema hier teilst, denn ich finde sowas sehr mutig. Ich selbst habe das Gefühl, dass egal, was man zu dem Thema sagt, es immer irgendwie falsch ist. Aus eben diesem Grund traue ich mich meistens auch selbst nicht, meine Meinung so offen darzustellen. Ich würde mich aber freuen, wenn du weiterhin deine Erfahrungen mit uns teilst!
    Da es auch hier jetzt ein Flüchtlingslager gibt, suchen wir derzeit Sachspenden (vor allem warme Kleidung & Spielzeug) zusammen.

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    • Dankeschön, liebe Vici. Ich habe ehrlich gesagt lange überlegt, ob ich das Thema auf dem Blog überhaupt aufgreifen soll und auch im Familienkreis ein paar konträre Meinungen darüber gehört. Aber es beschäftigt mich eben sehr und es tut gut die Gedanken und Gefühle etwas durch Schreiben zu ordnen. 😉

      Natürlich kann man lang und breit darüber streiten, das richtig und was falsch ist. Sachliche und informierte Diskussionen sind gut und wertvoll! Was mir allerdings ganz üble Sorgen bereitet, sind die unsachlichen, uninformierten Diskussionen und Kommentare von so manchem „besorgten Bürger“. Und spätestens wenn es um Menschenwürde geht, hört es einfach auf. Da kann auch keiner kommen und sagen, „das ist jetzt aber falsch“.

      Liebe Grüße,
      Jenni

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  9. Liebe Jenni,
    erst jetzt kam ich dazu deinen Beitrag zu lesen, möchte dir aber sagen, wie mutig und engagiert ich dein Handeln finde (: ! Ich habe großen Respekt vor allen, die mit anpacken, aber auch all diejenigen, die spenden oder bloß Mitgefühl zeigen und nicht noch zusätzlich „Angst schüren“ o.ä.
    Man sieht ja an den Kommentaren, dass es ein heiß diskutiertes Thema ist, umso bewundernswerter, dass du es hier offen ansprichst!
    Vielleicht berichtest du ja noch mehr und stößt auch andere zum Handeln an.
    Denn du beschreibst es ja schon schön: egal was man von der Politik usw. halten mag, die Situation ist nun mal wohl oder übel so, wie sie grad ist und da nützt alles nichts, sondern muss geholfen werden! Ganz liebe Grüße (: .

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    • Vielen herzlichen Dank, liebe Theresa. Ich finde dein Feedback sehr ermutigend. Ich habe z.B. aus dem Familienkreis auch die Meinung gehört, dass das Thema nicht auf den Blog gehört. Es beschäftigt mich sehr und deswegen möchte ich es hier zumindest nicht unerwähnt lassen. Aber eben auch, weil es so ein heiß diskutiertes Thema ist. Ich habe momentan das Gefühl, dass es umso wichtiger ist Stellung zu beziehen.

      Ich werde Euch hier ab und zu auf den Laufenden halten.

      Liebe Grüße,
      Jenni

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